Bürgersprechstunde: Demografischer Wandel und das Gesundheitssystem
Radecker -nach einer kurzen Vorstellung seiner Organisation- ergänzte: „Das bedeutet für die Anbieter von Gesundheitsleistungen, dass sich aus ihrer Sicht die Ressourcen nicht nur nicht verknappen, sondern voraussichtlich vergrößern werden.“ Demirbüken-Wegner hielt dagegen: „Etwas anderes gilt hingegen für die Nachfrager nach Gesundheitsleistungen. Denn die Nachfrage wird schneller und stärker steigen, als die Ressourcen zunehmen werden. Einer der Gründe hierfür ist die demografische Entwicklung. Ihre Folgen sind: Da der jüngere Anteil an der Bevölkerung, dessen Anforderungen an den Gesundheitsbereich recht gering sind, stark abnimmt und der ältere Anteil an der Bevölkerung, dessen Anforderungen an den Gesundheitsbereich recht hoch und mit zunehmendem Alter immer höher sind, stark zunimmt, steigen die Anforderungen an den Gesundheitsbereich insgesamt, und das heißt: Die Inanspruchnahme wirtschaftlicher Ressourcen steigt steil an.“
Demirbüken-Wegner ging im Rahmen ihrer Ausführungen dann auf die Diskussionen der letzten Jahre und Jahrzehnte ein. Hier beherrschende Stichworte wie Generationengerechtigkeit, Gesundheitspräventionspolitik, Pflegereform, Kosten der Sozialleistungen boten einen breiten Rahmen interessanter Einblicke. Auch die spezielle Lage in Reinickendorf fand im Vortrag ihre Abbildung. In der anschließenden Diskussion wurde klar herausgestellt, dass praktisch überall auf der Welt der Anteil Älterer und Alter an der Gesamtbevölkerung stark ansteigen werde, allerdings dieser Anstieg in Deutschland noch stärker ist als in vielen anderen Ländern. „Wo Deutschland heute steht, werden beispielsweise die USA erst nach dem Jahr 2020 und China erst Anfang der 2030er Jahre stehen!“ war eine aus der Runde der Bürger heraus formulierte Prognose. Vor allem aber werde in diesen großen Ländern der Altenanteil bis 2050 und wohl auch darüber hinaus nicht annähernd so hoch werden wie in Deutschland sein. Dies schlage sich dann in den Soziallastquoten nieder. Demirbüken-Wegner dazu: „Auf Hundert 20- bis 59-Jährige kommen bald gut 40% über 60-Jährige, in 40 Jahren könnten es annähernd doppelt so viele sein. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die 60-Jährigen von 1950 nicht mit den 60-Jährigen von heute und wohl erst recht nicht mit den 60-Jährigen von 2050 zu vergleichen sind. Denn es steigt nicht nur die Lebenserwartung. Zugleich nimmt auch die Zeit des gesunden Lebens zu. Anders gesagt: 60- oder 70-Jährige von heute sind erheblich „jünger“ als die der Vorgängergenerationen.“ Trotz dieser zunehmenden „Jugendlichkeit“ werde der 'öffentliche' Aufwand für Gesundheit und Pflege erheblich zunehmen. Hinzu kommt der voraussichtlich stark steigende private Aufwand. Realistisch gerechnet liege dieser Aufwand in vier Jahrzehnten bei einem Sechstel des Bruttoinlandsprodukts.
Nach einer guten Stunde grundsätzlicher Diskussion begannen dann die Gespräche sich auf einzelne Vorgänge und Fallmuster zu konzentrieren. Dabei bemühten sich die anwesenden Vertreter diverser Einrichtungen, immer wieder auf die generelle Handhabung von Problemen bei Krankenkassen und staatlichen Einrichtungen abzustellen. Demirbüken-Wegner zog zum Abschluß des Abends das Fazit: „Das hier heute war mehr als 'nur' eine Sprechstunde, das war fast ein gesundheitswirtschaftliches Diskussionsforum. Uns allen hat dieser Abend sehr viel gegeben!“