Seit Ende Januar finden Reinickendorfer in der Scharnweberstraße 118 das Bürgerbüro von Emine Demirbüken-Wegner.
Bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus im Jahr 2016 konnte die CDU-Politikerin den Wahlkreis Reinickendorf 2 erneut für sich gewinnen.
Immanuel Ayx von der ‚Reinickendorfer Allgemeinen Zeitung‘ unterhielt sich mit der ehemaligen Staatssekretärin für Gesundheit über ihren Wahlkreis, das Bürgerbüro und darüber, wie man als Politiker auf Ängste reagiert (nachzulesen auch RAZ 06/17 vom 30.03.2017, Seite 4)

Frau Demirbüken-Wegner, Sie haben auf verschiedenen Ebenen vom Bezirk bis zum Präsidium der CDU Deutschland gearbeitet. Warum engagieren sie sich nun verstärkt im Lokalen?
Für mich schließt sich damit ein Kreis. 1988 habe ich im Bezirk Schöneberg als Integrationsbeauftragte angefangen und habe an der Basis mit den Menschen gearbeitet. Dann kam der Kreisvorstand, der Landesvorstand, der Bundesvorstand und zu guter Letzt das Präsidium. Mit dem Bürgerbüro kehre ich zu meinen politischen Wurzeln zurück.
Was macht Ihren Wahlkreis so besonders?
Wir haben hier eine wahnsinnige Umbruchs- und Entwicklungskultur. Hier gibt es sowohl Einfamilienhäuser wie auch sozial schwierige Kieze. Außerdem entsteht rund um die Nachnutzung TXL eine Diskussion über die Neustrukturierung des Kiezes. Wie kann zwischen alt und neu eine Brücke geschaffen werden?
Welche Problemecken gibt es in Reinickendorf-West?
Im Quartiersmanagementgebiet Klixstraße/Auguste-Viktoria-Allee gibt es Ecken, an denen man zum Teil Sicherheit, Sauberkeit und Wohlgefühl vermisst. Daher arbeite ich eng mit dem Quartiersrat zusammen. Die Reinickendorfer sollen sich wohl fühlen und sagen können: „Hier will ich leben und alt werden.“ Zum Glück gibt es gute Strukturen und die vielen Institutionen ziehen gemeinsam an einem Strang.
Wie bringen Sie sich als Politikerin in diese Prozesse ein?
Ich versuche selber Ideen zu entwickeln, nehme aber auch die Belange der Bürger auf und gebe diese an die zuständige Ebene weiter. Wenn es um Personalmangel in Kitas geht, dann klärt man das auf Landesebene. Braucht man aber an bestimmten Ecken Beleuchtung oder einen Zebrastreifen, kläre ich das mit dem Bezirksamt.
Welche Pläne haben Sie mit dem Bürgerbüro?
Das Büro soll eine Anlaufstelle für die R-Westler sein – hier finden sie Gehör und man bemüht sich um ihre Probleme. Um das umzusetzen, biete ich jeden ersten Mittwoch im Monat eine Bürgersprechstunde an. Darüber hinaus können Bürger auch telefonisch Termine vereinbaren.
Mit welchen Anliegen kommen Reinickendorfer zu Ihnen?
Die Themen sind sehr unterschiedlich: Eine junge Frau auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz, eine Mutter auf der Suche nach einem Kita-Platz, Menschen mit Konflikten mit der Hausverwaltung, aber auch Reinickendorfer, die sich über die Flüchtlingsproblematik beschweren. Ich bin sehr froh, dass ich es mit einer Anwohnerschaft zu tun habe, die nicht nur meckert, sondern sich auch darüber hinaus Gedanken macht.
Wie gehen Sie mit Menschen um, die sich wegen der Flüchtlingsproblematik beschweren?
Ich versuche herauszufinden, wie konkret das Problem ist. Ist es ein Bauchgefühl oder gibt es einen konkreten Anlass. Wenn es den gibt, setze ich mich mit der entsprechenden Institution in Verbindung und versuche, das Konkrete vor Ort zu klären. Ist das Problem aber nicht greifbar, dann erleuchte ich in einem Gespräch die Situation im Kiez – Wie viele Menschen leben hier und wie viele Flüchtlinge sind dazugekommen? Mit Fakten kann man für mehr Verständnis sorgen. Zurzeit ist die Atmosphäre in Deutschland durch die Attentate getrübt, das macht Angst und dieses Gefühl kann ich sehr gut nachvollziehen. Es macht keinen Unterschied, ob das brutale Vorgehen sich gegen einen Moslem oder einen Christen richtet.
Gibt es Menschen, die für Ihre Argumente keine offenen Ohren haben? Auch diese Menschen gibt es in der Gesellschaft. Das muss man akzeptieren. Ich bin aber froh, dass es nur eine kleine Gruppe Unerreichbarer gibt. Nichtsdestotrotz weiß ich, dass die AfD in meinem Wahlkreis Zuspruch bekommt und mein Ziel ist es, die blauen Flecken wegzubekommen – das geht nur wenn man auf die Menschen zugeht.
Wie können Sie Antworten auf die Ängste der Menschen geben? Mein Leben lang gebe ich Antworten auf Ängste, Vorurteile und Sichtweisen. Als ein Mensch mit Migrationshintergrund, der hier sozialisiert und von Kindesbeinen aufgewachsen ist, musste ich immer erklären: Warum? Wieso? Weshalb? Insofern bin ich es gewohnt, zu erklären und Menschen mitzunehmen. Ich bin ja eine typische zweite Generation und musste zwischen Elternhaus und Mehrheitsgesellschaft eine Balance finden, sodass keine Seite einen abstößt. Um zu überleben, musste ich mir ein Handwerkszeug anlegen. Heute stehen wir uns nicht mehr mit der großen Irritation wie vor 40 oder 30 Jahren gegenüber, aber trotzdem muss ich das alte Handwerkszeug wieder rausholen, wenn mit Ängsten im vorpolitischen Raum gespielt wird, denn wir müssen Brücken schaffen – wir haben mehr gemeinsam als uns trennt.
Vielen Dank für das Gespräch