125 Jahre Segenskirche Reinickendorf
Man will es kaum glauben: am 15. November 1892 fand die Kirchweihe der in der Auguste-Viktoria-Allee befindlichen Segenskirche statt, damals in Anwesenheit der namensgebenden Deutschen Kaiserin Auguste Viktoria.
Dazu heißt es: „Seit dem 2. Mai 1890 bestand der Kirchenbau-Verein zur Förderung des Kirchenbaus in Berlin und seiner näheren Umgebung. Innerhalb eines Jahrzehnts entstanden etwa 50 Neubauten, einerseits um die Kirchennot zu lindern, andererseits um sakrale Repräsentationsbauten zu schaffen, an denen Berlin arm war. Der Kirchenbau-Verein finanzierte zwar die geplanten Bauvorhaben nur zum Teil, er beteiligte sich aber an der Einwerbung von Geldmitteln bei wohlhabenden Bürgern bzw. auch bei der Beschaffung von Bauplätzen. Als eine der ersten Gemeinden wurde Reinickendorf wegen seiner Kirchennot vom Kirchenbau-Verein unterstützt. Dessen erster Erfolg war die Schenkung des Grund und Bodens zur Erbauung einer Kirche nebst einem Pfarrhaus durch den Rentier Hechel aus Reinickendorf. Die Gemeinde Reinickendorf, deren Mitglieder größtenteils aus Arbeiterfamilien stammten, konnte für den Kirchenbau nur 4.000 Mark (kaufkraftbereinigt in heutiger Währung: rund 26.000 Euro) einsammeln, weitere 113.000 Mark (heute: rund 732.000 Euro) wurden vom Kaiserhaus, der Gemeinde Rosenthal und einer Wohltäterin gespendet. Der Rohbau verschlang 110.000 Mark, die Inneneinrichtung kostete 25.000 Mark und konnte erst dank weiterer Spenden finanziert werden. Am 15. Juni 1891 war die Grundsteinlegung, am 15. November 1892 die Einweihung.
Der Architekt H. Schatteburg schuf eine neugotische Hallenkirche mit schlichter Holzbalkendecke auf dem Grundriss eines lateinischen Kreuzes. Wände und Turm waren auf Grund der begrenzten Mittel äußerst sparsam gestaltet und in Backstein ausgeführt. Die Kirche unterschied sich von den zeitgleich entstandenen Repräsentationsbauten der Auferstehungskirche oder der Neuen Nazarethkirche.
Im Jahr 1939 wurde die Segenskirche umgebaut, der Altarraum erhielt drei farbige Glasfenster. Das mittlere stellte eine überlebensgroße Christusgestalt dar. Der bisherige Flügelaltar wurde in einen Altartisch umgewandelt. Die verschnörkelte Kanzel wurden herausgenommen, eine schlichte wurde dicht vor die erste Reihe der Kirchenbänke gestellt. Die Kirche brannte am 15. Februar 1944 völlig aus. Der Wiederaufbau nach historischem Vorbild der Kirche begann 1953. Der Turm erhielt drei Gussstahlglocken, die 1956 vom Bochumer Verein hergestellt wurden.“
Mit einer Andacht in der Segenskirche am 10.11.2017 wurde diesem 125-jährigen Jubiläum gedacht und zugleich die Eröffnung des Jubiläumswochenendes begangen. Der Wahlkreisabgeordneten Emine Demirbüken-Wegner wurde die Ehre zuteil, das Grußwort an die versammelten Gemeindemitglieder sowie haupt- und ehrenamtlich tätigen Kirchenmitglieder zu richten. Demirbüken-Wegner: „Beim Betrachten alter und neuer Fotos zur vielfältigen Geschichte der Segenskirche - heute wird ja auch eine Fotoausstellung eröffnet - ist mir etwas aufgefallen, was mir geradezu symbolisch und zukunftsträchtig vorkommt: Steht der Neubau 1894 noch auf einem freien Platz, rückt sie in den nächsten Jahrzehnten, ohne ihren Platz zu verändern, in den Ortsteil mitten hinein. Nach dem Wiederaufbau vor 60 Jahren ist sie gleichsam in die Mitte unseres Bezirks “gerutscht”. Immer noch an der alten Stelle stehend, ist sie nun “mittendrin”, nämlich da, wo sie hingehört!“