Der 9. November ist ein historischer Tag in Deutschland u.a., anlässlich des 30. Jahrestages des Falles der innerdeutschen Mauer, auch ein Grund für
Emine Demirbüken-Wegner, im Rahmen Ihrer Veranstaltungsreihe „R-West Unterwegs“ mit Bürgerinnen und Bürgern die Gedenkstätte Hohenschönhausen aufzusuchen. Bereits nach der Einladung gab es Gespräche, dass diese Zeit, obwohl bereits lange vorbei, bei einigen Eingeladenen bedrückende Erinnerungen wachrief, denn sie waren zum Teil selber Betroffene. Viele waren aber auch gespannt, da sie das erste Mal diesen Ort betraten.
Die Gedenkstätte befindet sich auf dem Gelände der ehemaligen zentralen Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit der DDR im Berliner Bezirk Lichtenberg. Das 1945 eingerichtete ursprüngliche Gefängnis des sowjetischen NKWD wurde 1946 zur Zentralen Untersuchungshaftanstalt der sowjetischen Geheimpolizei. 1951 wurde es an die DDR übergeben, die es bis 1989 als „Zentrales Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit“ nutzte. Im Zuge der Wiedervereinigung Deutschlands wurde es 1990 geschlossen. In der Haftanstalt wurden ca. 10.000 vor allem politische Gefangene, darunter fast alle bekannten DDR-Oppositionellen, inhaftiert und physisch und psychisch gefoltert.

Mit dem Zeitzeugen Herrn Raufeisen, der selbst dort inhaftiert war, unternahmen wir eine sehr authentische Begehung der Räume. Wir betraten das berüchtigte „U-Boot“, ein Kellergefängnis ohne Heizung, in dem Inhaftierte nie Tageslicht sahen, und unter menschenunwürdigen Bedingungen überleben mussten. „Wir hielten uns eigentlich nur ein paar Minuten in den Zellen auf und trotzdem spürte ich die Beklemmung und die Angst“, äußerte sich eine Besucherin.
In dem neu angebauten Teil zeigte uns Herr Raufeisen einen Lieferwagen, in dem bis zu fünf Personen in Einzelzellen untergebracht wurden, natürlich ohne Fenster. Mit diesen Wagen, der getarnt mit Reklame von DDR Einrichtungen beklebt war, wurden die Festgenommenen oft stundenlang durch die Stadt gefahren, so dass Sie gar nicht mehr ahnten, immer noch in Berlin zu sein.
Nachdem wir auch noch die „Verhörbüros“ besichtigt haben, erzählte uns Herr Raufeisen seine ganz persönliche Geschichte, die uns alle sehr berührt hat. Er kam als 16-jähriger umgekehrt, vom Westen in den Osten, nachdem sein Vater, der als Spion in einem westdeutschen Unternehmen 20 Jahre spionierte, kurz vor seiner Enttarnung, stand. Der 2 Jahre ältere Bruder und er, wurden dann erst in Ostberlin über das Doppelleben ihres Vaters informiert.
Sehr schnell erkannte dieser, dass er für den falschen Staat spioniert hatte und versuchte durch Republikflucht mit seiner Familie zu entkommen. Diese misslang allerdings und die Familie kam in das Stasigefängnis Hohenschönhausen und später nach Bautzen.
Die bewegende Geschichte von Herr Raufeisen führte uns auf eine kleine Zeitreise durch die Gedenkstätte und lies uns erahnen, welch furchtbaren physischen Qualen die Menschen dort ausgesetzt waren. -Wer seine Geschichte mitnehmen wollte, konnte sein Buch mit dem Titel: „Ich wurde in die DDR entführt. Von meinem Vater. Er war Spion“ mit einer persönlichen Widmung von ihm vor Ort kaufen. Den Zeitzeugen Herr Raufeisen können wir nur weiterempfehlen!
Als wir alle wieder im Hof zusammenkamen, atmeten viele aus der Reinickendorfer Gruppe tief durch und versuchten auch Gesagtes im Gespräch zu verarbeiten, da es Allen sehr nahe gegangen ist, insbesondere den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die eigene Erfahrungen in der DDR gemacht hatten.
Nach Danksagung an Herrn Raufeisen durch Frau Demirbüken-Wegner wurde zum Schluss noch einmal daran erinnert, wie wichtig und wertvoll unsere Demokratie und Freiheit ist, und wir rechtzeitig erkennen müssen, wenn sie uns einer beschneiden will! – Auch mit Blick auf die aktuelle politische Entwicklung in einigen Bundesländern.